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 Pull oder Push? - das ist die Frage

            Ulrich Waas (unserveto-bayern)

 

 

Gegen eine menschenwürdige Behandlung von Geflüchteten im Lager Moria oder gar ihre Auf-nahme in anderen europäischen Ländern wird immer wieder eingewendet, dass dies zu einem „Pull-Effekt“ führen würde[1]. Menschen in asiatischen und afrikanischen Ländern würden sich dann verstärkt für eine Flucht entscheiden, sodass letztlich Europas Aufnahmekapazität überschritten werden könnte.

Häufig werdenVorstellungen geäußert wie:„Der weitaus größte Teil der Flüchtlinge“ fliehe nicht vor einer Lebensgefahr, sondern (nur) aus einer „wirtschaftlichen Misere“. Für die Fahrt durchs Mittel-meer würden bewusst unsichere Boote genutzt, um „moralischen Druck“ für eine Aufnahme in Eu-ropa zu erzeugen (so ein Leserbrief in der FAZ vom 10.10.2020). Es wird angenommen, dass die Flüchtlinge für den Entschluss zur Flucht die Risiken auf dem Fluchtweg gegen die wirtschaftlichen Vorteile in einem Aufnahmeland der EU abwägten. Ein Pfarrer (!) in Nürnberg ging sogar so weit, die Flüchtenden wüssten ja um die Seeuntauglichkeit der Boote im Mittelmeer und deshalb könne einChristenmensch – ohne zynisch zu sein –diese, ihre Verantwortung für sich selbst vernachlässigenden Migranten ertrinken lassen [2]. Auffallend: In keinem dieser Fälle wird fürdiese Einschätzungeneine Quelle genannt, die Fluchtphänomene auch wirklich vor Ort untersucht hätte.

Aus der gesicherten Situation eines Europäers „auf dem Sofa vor dem Fernseher“mag die Logik des Pull-Effekts plausibel erscheinen.Allerdings istdie Nonchalance irritierend, mit der ohne weitere Prüfung derPull-Effekt als derentscheidende Faktor für Fluchtbewegungen angenommenwird.Tatsächlichist jedoch aus detaillierten Untersuchungen bekannt, dass fürdie Entscheidung zur Fluchtdie gravierendenBedrohungenim Heimatland,also „Push-Effekte“, eine wesentliche, wenn nicht dominierende Rolle spielen[3]. Zur Veranschaulichung: Wenn Menschen aus einem oberen Stockwerk eines brennenden Hochhau-ses springen, vermutet sicher keiner, für den Entschluss zum Sprung sei die Schönheit des Sprungtuchs der Feuerwehr entscheidend gewesen. Es ist klar, dass ohne Feuer keiner springen würde. Die-seswird selbstverständlichals entscheidender Grund („Push-Effekt“)anerkannt. Demgegenüberist es natürlich schwieriger, bedrohliche Situationen in fremden Ländern als Fluchtursache zu identifizie-ren. Das erfordert oft das Bemühen um detaillierte Kenntnisse und Recherchen, also viel mehr als nur –zurpolitischenZielsetzung passende?–Vermutungen. ....

 


Pull-Effekt durch Seenotrettung im Mittelmeer?

 

Auch den Hilfsorganisationen, die Schiffbrüchige im Mittelmeer retten, wird oft vorgehalten, ihr Einsatz würde Menschen zur Flucht übers Mittelmeer verleiten und damit die Zahl der im Mittelmeer Umkommenden erhöhen. – Allerdings wird dies durch Untersuchungen zu einem eventuellen Einfluss der Seenotretter im Mittelmeer nicht bestätigt. Zumindest mehrheitlich ist das Ergebnis: Ein Zusammenhang zwischen Anzahl der Seenotrettungsschiffe und Anzahl der übers Mittelmeer Flüchtenden ist statistisch nicht erkennbar[6], andere Faktoren scheinen wichtiger zu sein (z.B. die Wetterlage im Mittelmeer).Erkennbar ist allerdings der Zusammenhang: Je weniger Seenotrettung, desto höher der Prozentsatz der Ertrunkenen.


Push und Pull – allgemein


Insgesamt sind Fluchtbewegungen – mit Gründen für die Flucht aus dem Heimatland, Gründen, wa-rum man nicht in dem ersten erreichten Land bleibt, Gründen für die Fluchtroute sowie Gründen, wohin man letztlich geht, – sehr vielschichtig,eine zusammenfassende Übersicht gibt[3, S. 36ff].Wichtige Ergebnisse dieser Analyse:

 

  • Von den Flüchtlingen, die 2015 Griechenland oder Italien erreichten, stammten über 80% aus vier Ländern: Syrien, Afghanistan, Irak und Eritrea, also Ländern mit hohem Gewaltniveau.Ent-sprechend ergaben die Befragungen, dass je nach Herkunft die Geflüchteten zu mehr als 70% bis 90% selbst Gewalt in unterschiedlicher Form erfahren, viele auch Todesfälle beobachtet hatten.Oft kamen noch wirtschaftliche Gründe hinzu (keine Möglichkeit den Lebensunterhalt zu sichern; wobei es problematisch ist, einem vom Hungertod Bedrohten vorzuhalten, er sei „Wirtschaftsflüchtling“.)
  • Auf den Fluchtrouten, insbesondere in Libyen, kamen noch weitere Erfahrungenmit Gewalt und Menschenrechtsverletzungen oder fehlende Möglichkeiten zur Existenzsicherung hinzu, die aus der Sicht der Betroffenen eine Weiterflucht notwendig machten.
  • Das Zielland der Flucht stand oft bei Beginn der Flucht noch nicht fest. Erst mit Erfahrungen und Informationen (Smartphone!) auf dem Fluchtweg entwickelte sich die Vorstellung zum Ziel.

 Fazit


 

  • Bei der Entscheidung für eine Flucht dominieren in der Regel die – lebensbedrohenden – Gründe im Heimatland, also die Push-Effekte, während die Pull-Effekte, also positive Wahrnehmungen zum Zielland,eher eine geringe Rollespielen.Deshalb verhindertderVersuch, Pull-Effekte durch möglichst restriktive Behandlungen von Geflüchteten in EU-Ländern vermeiden, größere Flucht-bewegungenwenig.
  • Unterwegs auf der Fluchtroute können bei der Entscheidung für ein Zielland allerdings zunehmend Vorstellungen zu Verhältnissen im Zielland wirksam werden. („in Europa besser insLand X alsins Land Y“)– Diejenigen, die diesem Effekt entgegenwirken wollen,müssen die problematische Frage beantworten, ob es mit den in der EU anerkannten Wertvorstellungen vereinbar ist, Geflüchtete so schlecht zu behandeln, dass sieletztlichlieber in ein anderes Land fliehen.
  • Nochmal zurück zu den Verhältnissen in Moria oder ähnlichen „Hotspots“: In dem völlig überfüll-ten Lager wurden teilweise schon seit Jahren auch Geflüchtete mit einem bereits anerkannten oder voraussichtlichen Anspruch auf einen Schutzstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention oder der EU-Asylrichtlinie von 2004 festgehalten. Soll ihnen – weiterhin –eine menschenwürdige Behandlung aus „Sorge um einen Pull-Effekt“ verweigert werden?
  • Insgesamt sollte die Diskussion zu Push-/Pull-Effektenmit dem Bemühen um Verstehen der Vorgänge geführt werden. Je nach Situation kann beides eine Rolle spielen, aber das muss man sich genau anschauen.Schnelle Vermutungen, die lediglich zu den jeweiligen politischen Wunschvorstellungen passen, werden einem verantwortungsbewussten Handeln nicht gerecht.– Meinungen wie die des oben erwähnten Nürnberger Pfarrers erscheinen da lediglich als der bequeme Versuch, eine Entschuldigung für das Schließen der Augen vor einer – unstreitig – schwierigen Situation zu finden.

Wer die schwierige Situation mit ihren Ursachen und Hintergründen verstehen will sowie pragmatische Lösungen sucht, kommt mit dem neuen Buch des MigrationsforschersGerald Knausweiter [7]. Knaus, bekannt als „Erfinder“ des EU-Türkei-Abkommens, das bisher im Rahmen des politisch Möglichen erfolgreich war, bringt Vorschläge, „wie sich Europas Grenzen sichern ließen, ohne den Kontinent in eine brutale Festung zu verwandeln“.
Anhand kritischer Darstellungen zu historischen Beispielen der Migrationspolitik – u.a. Schweiz im Zweiten Weltkrieg, Australien gegenüber den vietnamesischen Boatpeople um 1980, USA gegenüber Kuba-Flüchtlingen nach 1980 – widerlegt er sowohl „linke“ wie „rechte“ Mythen der Migrationsdebatte. Knaus: „Es genügt nicht, auf unschuldig leidende Menschen zu verweisen, um einen Politikwechsel herbeizuführen, solange der kritisierten Politik keine mehrheitsfähige Alternative entgegengesetzt wird.“ Da offene Grenzen nirgendwo eine Mehrheit fänden, müsse das Ziel nicht „keine Grenzen“, sondern „keine unmenschlichen Grenzen“ sein.

Literatur, Quellen
[1]ntv, 26. August 2020, Seehofer sieht "Pull-Effekt" bei FlüchtlingenSZ, 29.Januar 2020, Zoff ums Bleiberecht[2]Matthias Dreher, Ein Christ kann ertrinken lassen, Korrespondenzblatt des Pfarrer-und Pfarrerinnenvereins Bayern Nr. 10, Oktober 2020, S. 199[3]Heaven Crawley et al., Destination Europe? Understanding the dynamics and drivers of Mediterranean migration in 2015, Mediterranean Migration Crisis (MEDMIG), Final Report November 2016[4]Janne Grote, BAMF, Die veränderte Fluchtmigration in den Jahren 2014 bis 2016: Reaktionen und Maßnahmen in Deutschland, 2018[5]Simon McMahon et al., Boat migration across the Central Mediterranean: drivers, experiences and responses (MED-MIG), September 2016[6]Focus, Seenotrettung im Mittelmeer -Kommen mehr Migranten durch EU-Marinemission?Der "Pull-Effekt" im Fak-ten-Check, 19.02.2020Max Gilbertet al., Ein Schiff, das vielleicht kommt, SZ 09.07.2019Eugenio Cusumano et al., Sea Rescue NGOs: a Pull Factor of Irregular Migration?Nov. 2019[7]Gerald Knaus: „Welche Grenzen brauchen wir?“ Zwischen Empathie und Angst –Flucht, Migration und die Zukunft von Asyl. Piper Verlag, München 2020

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